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Entwicklung der Familie nach ihrer Zühlener Zeit
Die Familie Karbe verstand sich bis weit in dieses Jahrhundert hinein als eine Landwirtsfamilie. Für eine Generation, die sich mit Erich
Fromms Philosophie des "Habens" und "Seins" beschäftigt, ist es nicht einfach, die kulturelle Bedeutung von Leistung und Besitz plausibel zu machen. In großen Zügen verlief aber die Entwicklung
folgendermaßen:
Aus dem ursprünglichen, wenn auch gehobenen Bauern
stand erfolgte der Aufstieg zu einer Familie landwirtschaftlicher Unternehmer in der Mitte des 18. Jahrhunderts, und zwar über die
Pachtung "adeliger Güter" zur Pachtung "königlich- preußischer Domänenämter" (ab etwa 1770), bald auch zum Erwerb von Rittergütern (ab 1789). Vorherrschend waren die Domänenpachtungen
. Diese haben Stil und Einstellung der Familie bis in unser Jahrhundert geprägt.
Mit den preußischen Domänenämtern waren - neben der landwirtschaftlichen Unternehmertätigkeit - umfangreiche
hoheitliche Aufgaben verbunden, insbesondere polizeiliche, gerichtliche und abgabenrechtliche Befugnisse, die im Namen des Königs auszuüben waren. Daraus ergab sich eine loyale Einstellung zu dem
durch den König repräsentierten preußischen Staat. Dies hat sich auf die folgenden Generationen in der Weise ausgewirkt, dass die Söhne, wenn sie nicht Landwirte werden
wollten oder konnten, weil z. B. ein Bruder den Besitz übernahm, in den Dienst Preußens entweder als Offiziere oder als Verwaltungsbeamte eintraten. Erst in diesem
Jahrhundert öffneten sich die Söhne für andere bürgerliche Berufe.
Auch für den preußischen Staat standen bei der Auswahl der Domänenpächter neben ihrer
loyalen Gesinnung finanzielle Gesichtspunkte im Vordergrund: gute und regelmäßige Pachteinnahmen aus dem Domänenbesitz waren noch im 18. Jahrhundert eine Haupteinnahmequelle des preußischen Staates.
Allmählicher Rückzug aus der Landwirtschaft
Der Rückzug aus den landwirtschaftlichen Unternehmerberufen erfolgte im 19. Jahrhundert
nur langsam. Um 1850 waren von 14 erwachsenen männlichen Namensträgem 13 Landwirte, 1875 von 20 Namensträgem 15 und um 1900 von 28 Namensträgem immerhin
noch 13 Landwirte (Die Feststellungen beschränken sich auf die männlichen Namensträger, da Frauen erst in diesem Jahrhundert angefangen haben, berufstätig zu
sein; dann aber auch, weil der Familienname in der Regel noch immer über den Vater tradiert wird und die Stammfolge sich an dem Namen orientiert.). Noch bis zum Zweiten
Weltkrieg waren von insgesamt 102 männlichen Namensträgem, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts ein berufsfähiges Alter erreichten, 55 Landwirte, d. h. 54 %. Heute gibt es
unter 35 lebenden Namensträgern keinen Landwirt mehr. Die heutige Berufsstruktur in der Familie deckt sich mit der heutigen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft.
Die Gründe für den allmählichen Rückzug aus dem landwirtschaftlichen Unternehmertum
liegen auf der Hand. Die Landwirtschaft ist seit 175 Jahren mehrfach von Krisen gebeutelt worden und erscheint, wirtschaftlich gesehen, seit dem letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts eher wie ein Appendix einer Industriegesellschaft. Die erste große landwirtschaftliche Krise, die von 1818 bis etwa Mitte der dreißiger Jahre dauerte und die
Getreidepreise fast ruinierte, hatte für die Familie relativ geringe Auswirkungen. Die damalige Generation war beweglich genug, um auf die Konjunktur durch
Umstrukturierungen zu reagieren und sich ihr durch Einschränkung der Bedürfnisse anzupassen. Auch gab es praktisch noch keine adäquaten Berufsalternativen.
Gravierender, auch für die Familie, war die Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts einsetzende und bis 1907 dauernde Agrarkrise, die nur zeitweise durch Schutzzölle gegen
billige Getreideeinfuhren gemildert wurde. Inzwischen hatte nämlich das Deutsche Reich sich zu einer mächtigen Industriegesellschaft mit einem enormen Bedarf an Brotgetreide
entwickelt, der nur durch billigere Importe aus dem Ausland zu decken war. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen boten den heranwachsenden Söhnen der Familie weniger
krisenanfällige Möglichkeiten beruflicher Entfaltung und attraktivere Geldanlagen außerhalb der Landwirtschaft.
Die Agrarkrise zwischen 1927 und 1934 haben die noch verbliebenen landwirtschaftlichen
Unternehmer in der Familie bis zur Vertreibung 1945 glimpflich überstanden. Kein Betrieb hat aber den Zweiten Weltkrieg in Ost- und Mitteldeutschland überstanden. Nur
vorübergehend und aus Not wurde in Westdeutschland der Versuch gemacht, auf einem kleinen gepachteten Bauernhof Landwirtschaft zu betreiben.
Dr. Klaus Karbe
Quelle: Deutsches Geschlechterbuch Band 202, ISBN:3-7980-0202-9, 1995, C.A. Starke-Verlag, Limburg
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